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Story vs. Atmosphere

Durch das breite Angebot an angelsächsischen Film- und TV-Formate, die hierzulande gerne konsumiert werden, haben sich deren Konventionen natürlich auch bei uns als Sehgewohnheiten etabliert.

Eine dieser Konventionen gibt vor, dass jede Szene und jede Handlung der äußeren Handlung dienen muss. Wenn also jemand in Aktion gerät (etwas sagt, sich bewegt, oder auch nur jemanden ansieht), soll dies etwas für die Geschichte (Story) relevantes ausdrücken. Was hier also nicht beinhaltet wäre, sind scheinbar unzusammenhängende Sequenzen über die Landschaft vor der Tür, oder Bilder von allerlei Alltagshandlungen, die nicht explizit die spezielle Situation oder eine Veränderung zeigen.

Die Frage ist nun natürlich: muss dies so sein? Sollte man dieser Konvention folgen?

Ein Film der mich zu dieser Frage bewegt hat, ist zum Beispiel „die letzten Glühwürmchen“, aus dem Jahr 1988. Ein japanischer Animationsfilm (mit dem Originaltitel „Hotaru no haka“, falls es jemanden interessiert), der die verzweifelte Situation eines Jungen und seiner kleinen Schwester in den Endmonaten des zweiten Weltkrieges in Japan beschreibt. Die Handlung ist sehr einfach, was diesen Film so eindrücklich und nachhaltig macht, ist die geschilderte Atmosphäre. Die Geschichte (Story) tritt zurück und lässt der einfachen Beschreibung der Situation Raum. Wie kann man mit Bildern und Situationen ausdrücken, dass man aufgegeben wird, dass man Hoffnung schaffen will, dass man verhungert?

Intermittierend gibt es Bildsequenzen der Umgebung (z.B. der Dinge, die vor der Behausung liegen), diese dienen nicht einer äußeren Handlung, sondern der Atmosphäre, dem Verständnis der Situation. Manchmal sind sind sie sogar nur in der direkten Folge zu deuten und ergeben eine fast subliminale Bedeutung.

Es geht mir hier nicht um die Frage der extrinsischen vs. intrinsischen Handlungen (hier gibt es in der deutschen Nachkriegsliteratur natürlich viele Beispiele, die die inneren Motivationen und Hindernisse hervorheben), sondern um die Frage, ob solche Momente in Büchern oder Filmen wirklich als aufhaltend und störend wahrgenommen werden.

Wenn es um eine Verfolgungsjagd in einer Großstadt geht, möchte man als Zuschauer natürlich nicht der unbeteiligten Dame an der Ecke für ein paar Minuten folgen, wie sie sich verdaddert auf eine Parkbank setzt, sondern bei der Aktion bleiben, ohne herausreißende Unterbrechung.

Aber ich persönlich sehe immer sehr gerne, in welcher Umgebung oder Situation sich jemand gerade befindet. Natürlich gerade dann, wenn mir diese Umgebung nicht bekannt ist. Nicht nur in Fantasy-Ländereien können wir so erleben, was auf einem Jahrmarkt so alles hinter verwunschenen Spiegeln lauert, oder warum eine Zeitschriften-Ausgabe mit fehlgedrucktem Zauberspruch bei Sammlern so begehrt ist, sondern auch in der realen Welt gibt es so viele Dinge, die wir nicht wirklich kennen. Oft wird uns gezeigt wie es „ist“ ein Polizist oder Arzt zu sein, aber wie sieht es in einem ungarischen Stahlwerk aus? Oder in einer Großfamilie in Thailand? Der Alltag der meisten Menschen ist uns doch ehrlich gesagt ziemlich unbekannt, hier könnte man genauso gut die viel zitierten Hartz-IV-Empfänger anführen, die im deutschen Fernsehalltag als Pfandsammler ihr Dasein fristen.

Was bleibt? Mut den Geschichten Würze zu verleihen, indem man den Alltag, die Umgebung und die Atmosphäre beschreibt. Hier gibt es unglaublich viel Potential, um die Menschen in Situationen hineinzuversetzen, von denen sie träumen können und weit über die eine Geschichte hinaus bestehen bleiben.

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